Sommer-Impressionen zu „meiner Stadt“
Ingeborg Wipper, 9.8.2007
Der erste Platz unter den Städten ist wohl für jeden von Anfang an besetzt. Der zweite jedoch wechselt im Laufe der Jahre. Meine Heimatstadt ist Berlin. Doch gut und gerne kann ich woanders leben, wenn nur immer ein Köfferchen für eine Kurzreise bereit steht. Zwanzig Jahre lang wohne ich nun in Rottenburg. „Ach, wie sind Sie denn da hingeraten?“ Ich lächle zurück: Man lebt gediegen in dieser Stadt am Fluss; eingebunden – wenn man selbst dazu beiträgt – und sicher. Kelten, Römer, Kriege, Brände, HerrscherInnen haben die Stadt eindeutig und vielseitig geprägt. Die großen katholischen Feste mit der Fasnet und dem Hofstaat der edelen Frouwe Mechthild werden hier in Glanz und Gloria schon lange gefeiert durch unterschiedliche Epochen. Tradition pflanzt ein Selbstbewusstsein, das den Bürgern selbst letztlich zu eigen wird. In den hervorragenden Persön-ichkeiten Sproll und Bolz begegnet es mir mit höchster Verantwortung gepaart. Gediegen, im besten Sinne – durch lange Schmelze und Schmiede gestaltet – erscheinen mir die Rottenburger. Bei allen eigenen Charakterzügen achtet man die Andern. Mit Zugezogenen wirkt man spürbar gerne gemeinsam fürs Ganze. Den Kirchengemeinden und im Rathaus ist das schon lange selbstverständlich. Seit der Neugestaltung bin ich (eine mit dem „Gläuble“) gern für stille Minuten im Dom; die klaren Formen tun der Seele gut. Ich freue mich auch über den Mut zum Experiment für die Sinne: Ein Wasserfall vom Altar herab , Walzertakt bei der Narrenmesse - großartig! Gleichzeitig halten sich auch die bewahrenden Kräfte wie das Handwerk noch in der Altstadt. Und Künstler leben im Städtle; Klein-Italia und andere Ausländer-Gruppen fühlen sich hier daheim. Für mich sind sie Teil des großen Kultur-Angebots der Stadt – mit der Einladung an die Bürger/innen, mitzugestalten. Drei Bürgermeister lenken den Strom der Kräfte. Auch die Regulierung des Neckarstroms vor hundert Jahren ist ja zum Segen für die Bürger geworden. Hoffentlich gelingen die Bemühungen, das Leben in der Altstadt zu erhalten! Noch wohnen Familien hier. Manche haben vielen zur Freude ihre Winkel in den Gässchen malerisch gestaltet. Sie wollen wir doch nicht vollends ziehen lassen? Wir brauchen sie, damit die Altstadt lebt! Der Eugen-Bolz-Platz, unser Jahrhundert-Bauwerk, soll nicht allein die Aufmerksamkeit beanspruchen. Wie ich die Stadt an Markt-Tagen und großen Festen liebe! Dann prangt und glänzt sie gleichsam im Sonntagsputz, hüpft und tanzt, schwingt alle bunten Röcke. Wippt da nicht sogar die Schwanzfeder des Doppeladlers? Ich bin bei ei-ner Kahnfahrt mit Feuerwerk hier gerade so glücklich wie bei `ner Dampfer-Fahrt aufm Wannsee. In alter Treue zu meiner Nummer Eins lebe ich herzlich gerne in Rottenburg: Hier geht`s mir gut!

